Mit einer Jobmesse für ehemalige BenQ-Beschäftigte versucht Siemens, seinen Ruf aufzupolieren. Doch viele Ex-Mitarbeiter quittieren das Angebot nur mit einem Schulterzucken.
Die hausinterne Jobvermittlung von Siemens hat sich wirklich Mühe gegeben. Zahlreiche Stellwände, vollgepflastert mit Jobangeboten schmücken die Stadthalle von Kamp Lintfort. An den einzelnen Informationsständen stehen zahlreiche Hostessen bereit, um Fragen zu beantworten, und um möglicherweise gleich den richtigen Ansprechpartner zu vermitteln, falls sich jemand für den angebotenen Job interessiert. "Wir haben für jeden was" - so lautet die unausgesprochene Botschaft des umtriebigen Koordinationsteams an die ehemaligen BenQ-Mitarbeiter.
Mit der Jobmesse versucht der Münchener Siemens-Konzern sein Versprechen einzulösen, das er den betroffenen Mitarbeitern der BenQ-Pleite gegeben hat. Notgedrungen - denn nachdem der taiwanische Elektronikkonzern BenQ vor sechs Monaten Insolvenz anmeldete und allein in Kamp Lintfort rund 1650 Beschäftigte in die Arbeitslosigkeit schickte, wandten sich die Proteste sofort auch in Richtung München. Für den Ex-Eigentümer Siemens entstand ein echtes Image-Problem.
Seitdem bemüht sich der Konzern um Schadensbegrenzung. "Die meisten Leute wissen nicht, was Siemens alles macht, in welchen Sparten wir Jobs bieten", wirbt Siemens-Pressesprecher Georg Haux. 2500 offene Stellen habe Siemens in seinen Teilbereichen, teilweise würden "händeringend" Fachkräfte gesucht.
Doch von Aufbruchstimmung ist wenig zu spüren. Teil gelangweilt, teils mit unverhohlen skeptischer Mine streifen die 550 Ex-Mobilfunker, die an diesem Tag in die Stadthalle gekommen sind, um die Stände. Hi und da begutachtet einer einen der Steckbriefe näher. doch die anschließende Reaktion ist immer die gleiche: "das ist ja in München" heißt es dann, oder in Erlangen oder in Frankfurt. "Ich bin schon so oft umgezogen - das mach ich nicht mehr mit", sagt Alfred Durczak. Der 37-Jährige, der in der Produktion arbeitete, hat vier Kinder und wohnt nur ein paar Kilometer vom ehemaligen Werk entfernt.
Viele waren Jahrzehnte bei Siemens tätig
Durczak ist kein Einzelfall - viele, die hier sind, waren Jahrzehnte bei Siemens Mobile tätig. Als sie anfingen, war Siemens noch ein Synonym für die gut funktionierende Deutschland AG. Einmal bei Siemens, immer bei Siemens. Doch das Bild hat sich gewandelt: "Die Sache mit BenQ", meint Ex-Mitarbeiter Jan Parzniowski, "das war ein abgekartetes Spiel" und ein anderer ergänzt: "Als Siemens die Handysparte verkauft hat, da haben sie uns mitverkauft." Der Vorwurf, Siemens habe es den Taiwanesen überlassen, die defizitäre Handy-Sparte abzuwickeln, ist in der Stadthalle häufig zu hören.
Es sind vor allem Stellen im höher qualifizierten Bereich, die an diesem Tag vorgestellt werden. "Ingenieuren und Managern werden hier gute Angebote gemacht", sagt Petra Langer, "doch für das Fußvolk gibt es kaum etwas." Die 40-Jährige hat 22 Jahre bei Siemens gearbeitet - ohne Ausbildung. Sie weiß, dass der Arbeitsmarkt nicht unbedingt auf ungelernte Arbeitskräfte wartet. Seyfi Atabay stimmt ihr zu: "Wer gute Qualifikationen hat, der hat sich doch schon längst was passendes gesucht", schätzt der 36-jährige Elektroniker. Umziehen kommt für ihn nicht in Frage - er hat zwei Kinder und muss sein Haus bezahlen. Das hatte er vor der BenQ-Krise gekauft.
"Ach ja, die Mobilität", seufzt Kerstin Wagner, Leiterin der Siemens-Koordinierungsstelle für BenQ-Mitarbeiter, "die Mobilität ist natürlich immer ein Faktor". Es ist die zweite Jobmesse, die sie und ihre Mitarbeiter organisieren. Immerhin 220 Stellen wurden seit der Insolvenz ins Unternehmen vermittelt - in der Auffanggesellschaft sind allerdings noch 1700 Beschäftigte registriert. Auch heute gibt es positive Beispiele, zum Beispiel eine Testmanagerin, die von "guten Angeboten" schwärmt und im Konzern bleiben möchte - zur Not auch um den Preis einer Fernehe. Lächelnd steht Pressesprecher Haux neben ihr und lauscht - es gibt sie also noch, die gute alte Siemens AG, das Unternehmen der Chancen.
Lieber die alten Kollegen treffen
Doch die Mehrheit betrachtet die Situation aus einer ganz anderen Perspektive: "Gleich stellt sich Building Technologies vor, mit Arbeitsmöglichkeiten in Karlsruhe und der Schweiz", kündigt eine der Koordinierungsstellen-Mitarbeiterinnen über das Mikrofon an. Teile des Auditoriums quittieren die Ansage mit einer Mischung aus Kopfschütteln und unterdrücktem Lachen. Am Ende sitzen nur eine handvoll Menschen in der
Präsentation.
Die meisten der ehemaligen Mobilfunker nutzen die Gelegenheit vor allem, um die alten Kollegen wiederzusehen. Dass der Countdown läuft, wird an diesem Tage verdrängt. Noch zahlt schließlich die Auffanggesellschaft mit Hilfe des Arbeitsamtes 85 Prozent des Lohns weiter. Wer bis Mitte Juli einen Job findet, erhält eine
Prämie - wer den Vertrag aussitzt, immerhin noch eine Abfindung. Doch ab Ende des Jahres wird es dann auch für die ernst.
Draußen vor der Tür plaudern die Ex-Kollegen bei einer Zigarette über die alten Zeiten und über ihre Zukunft. "Wir sitzen alle in der Warteschleife", beschreibt einer die Situation und erntet Zustimmung. Mit Siemens haben die meisten abgeschlossen. "Ich bin 46, da muss ich Glück haben um an einen Job zu kommen, meint Elektroniker Parzniowski, "Aber das Leben geht auch ohne Siemens weiter".